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"Das sagen wir hier so aber nicht..."

Komme ich als Beraterin in eine Organisation, dann beginnt es üblicherweise schon während der Auftragsklärung, spätestens jedoch im ersten Workshop: das Einnorden auf die systemtaugliche Sprache. Witzig, werde ich doch engagiert, um konstruktiv zu irritieren und gleichzeitig hoffen Alle, dass ich es nicht wirklich tue. Zumindest nicht sofort, oder wenigstens nicht so offensiv, oder höchstens in homöopathischen Dosen. Wie dem auch sei: Mit der Höhe der aufgebrachten Energie, um mich zum Gebrauch der „richtigen“ Worte zu erziehen, lassen sich brauchbare Hypothesen bilden. Zum Stellenwert von echtem Diskurs in einem System beispielsweise. Oder zum Umgang mit Andersartigkeit (Meinungen, Sichtweisen, Begrifflichkeiten, etc.). Es fällt auf, dass sich viele Organisationen gleichen im Hinblick auf die Do’s und Dont’s. Deshalb kommen hier meine TOP3 der „Das sagen wir hier so aber nicht“:

  • Problem
    War ich doch der Meinung, dass das weichgespülte Ersetzen von „Problem“ mittlerweile nur noch zum Running Gag taugt. Weit gefehlt. „Wir reden nicht gerne von Problemen. Bei uns gibt es Herausforderungen. Das klingt auch viel positiver.“ Ja, ja, der Klang mag lieblicher sein, aber der Weg zum Nicht-Sehen-Wollen wird auch definitiv kürzer.
  • Feedback
    „Wir geben hier lieber positives Lob, Kritik hilft doch auch nicht immer.“ Der Begriff Feedback ist für viele Menschen mit Kritik gleichgesetzt. Und zwar mit negativer Kritik, die be- und abwertet. Das allein wäre ja nicht schlimm, da könnte Begriffsklärung Abhilfe schaffen. Das passiert aber nicht, stattdessen findet gar keine Rückmeldung statt. Schade, Chance vertan.
  • Gruppendresche
    Ja, ich gebe es zu, dieser Begriff assoziiert körperliche Auseinandersetzung mit Verlierer. Gleichzeitig ist er hervorragend geeignet, um die dauernde Frage nach „Wenn ein Team selbstorganisiert arbeitet und einer nicht mitmachen will, was kann man da tun?“ zu beantworten: „Nix, das regelt das System selber. Zur Not gibt’s Gruppendresche.“ Ob man diesen oder einen anderen Begriff verwendet, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die Idee, dass Menschen in echte Auseinandersetzung gehen, um das Wie, Was, Wer, Warum ihrer Zusammenarbeit auszuhandeln, gehört zu den häufigsten Tabus.

Alles eine Frage der Definition? Man kann schnell auf die Idee kommen, dass Sinngebung und damit Begriffsklärung die Lösung sei. In Teilen ist sie das natürlich, in genau dem Kontext mit genau den Personen. Auf der anderen Seite haben Sprachverschwurblen und Weglassen einen nachhaltigen Effekt – sie schaffen Tabus. Bestimmte Themen werden gar nicht mehr angesprochen oder (was noch häufiger der Fall ist) es wird auf Nebenschauplätze ausgewichen. Fällt das richtige Stichwort, so wird über „dürfen wir nicht sagen“, „so ist das bei uns nicht“ debattiert und der eigentliche Punkt fällt hinten runter. Diskurs findet nicht statt. So kann dann auch „alles beim alten“ bleiben.

Sehr oft erlebe ich, wie diplomatisch geschickt agiert und taktiert wird. Die Regeln der „systemeigenen Rhetorik“ dabei immer im Blick. Es geht fast so zu wie in der Politik. Sprache wird größtenteils nachlässig bis schlampig verwendet und gleichzeitig jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Das schafft eine Ambivalenz, mit der sich leicht viele Meetings, Workshops und Gespräche füllen lassen. Leider führt das nur selten zu irgendeinem Ergebnis. Was ist die Lösung? Echten Diskurs zulassen, in die Auseinandersetzung miteinander (nicht gegeneinander) gehen. Und das mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

In diesem Sinne...bleiben Sie erfolgreich!

Erstellt von Stephanie Borgert am 09. August 2016 - Keine Kommentare


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