Problemverschiebung - ein Spiel für die ganze Organisation

Stimmt, wenn ich von „Draußen“ in eine Organisation komme, fällt es leichter die bestehenden Muster in Verhalten, Denken und Kommunikation zu erkennen. Gerade in der letzten Zeit scheint ein Muster bzw. Spiel besonders populär – Shifting the burden. Ein Problem wird dabei nicht ursächlich bearbeitet und behoben, vielmehr werden die Symptome beackert und Quick-win-Lösungen bevorzugt. Das Dumme an nicht bearbeiteten Problemen ist, dass sie bleiben. Durch die Verlagerung von Aktivität und Aufmerksamkeit sieht es allerdings zwischendurch so aus, als sei „alles im Lot“. Ist es aber meist nicht, vielmehr entsteht auf Dauer ein neues Problem. Dies drängt sich in den Vordergrund und führt mitunter zur nächsten Verschiebung. Ein Beispiel? Gerne.

Neulich bin ich zu einem mittelständischen Unternehmen eingeladen, weil die Geschäftsführung beschlossen hat ein Innovationsmanagement aufzusetzen. Man möchte die vielen guten Ideen der Mitarbeiter nutzbar machen und gleichzeitig diese Menschen somit wertschätzen (übrigens auch ein Muster, dass jeder Manager oder GF sich genötigt sieht das Wort Wertschätzung überall unterzubringen). So hat man ein Projekt aufgesetzt und fünf Unfreiwillige mit dem „Heben des Innovationspotentials“ beauftragt. Wo ist denn hier das Problem, mögen Sie gerade denken? Das, was man mit dem Projekt zu überstreichen versucht, ist das seit Jahren nicht anerkannte und nicht funktionierende Vorschlagswesen. Die Hoheit über das Vorschlagswesen liegt bei einem Unternehmensbereich und das führt dazu, dass Ideen aus anderen Bereichen nicht „durchgelassen“ werden.

Innovationsmanagement heilt Vorschlagswesen

 Im Gespräch stellt sich heraus, dass man nun eigentlich ‚nur‘ eine Moderation für den ersten Innovationsworkshop sucht. An dem Tag sollen explizit keine Führungskräfte teilnehmen, damit die Ideen der Mitarbeiter nicht gleich niedergemacht werden.  Eine Idee, die mit dem größtmöglichen Erfolgspotential, soll danach als Paradebeispiel zum Leben erweckt werden und die „Lawine der genialen Innovationen“ ins dauerhafte Rollen bringen.

Meine Prognose: dat wird so nix!

Symptomflickerei, Problemverschiebung und Quick-and-dirty-Ansatz sind keine guten Zutaten für eine gelungene Organisationsentwicklung. Denn das wäre die Konsequenz aus dem Ansinnen der Geschäftsführung. Die Form der Zusammenarbeit verändern, um nutzbar zu machen, was die Menschen lieber in ihren Köpfen lassen, bedeutet einen strukturellen Wandel des bisherigen Systems. Es wäre ein „Hin zu“ Offenheit, Vertrauen, Transparenz, Ausprobieren, Kreativität. Mit Optimierung ist da kein Blumentopf zu gewinnen.

Sind die denn zu blöd?

Mitnichten! Die Menschen, die dort in der GF und im Projekt agieren sind denkende, intelligente Wesen. Sehr nett sind sie außerdem. Und gleichzeitig agieren sie in ihrem System. Und das ist ausgelegt auf Effizienz (muss schnell gehen, wir müssen schließlich arbeiten), Kostensparen (mehr als ein paar Workshops ist nicht drin), lineares Denken (Innovationsprojekte machen ja auch andere, muss auch bei uns gehen) und einem ausgeprägten Nicht-miteinander-in-echte-Auseinandersetzung-gehen-Willen (Harmonie schreiben wir hier sehr groß).

 

Mittlerweile hat das Unternehmen einen Kollegen engagiert, der sie beim Projekt Innovationsmanagement begleitet. Dabei wünsche ich allen Beteiligten viel Erfolg, glaube jedoch nicht daran. Probleme können nur ursächlich bearbeitet werden, nicht symptomatisch. Das geht manches Mal nicht quick und bedeutet echte Arbeit am System. Dafür ist der Gewinn ungleich größer und befriedigender.

In diesem Sinne...bleiben Sie erfolgreich!


Blogverzeichnis - Bloggerei.de